Stand: 09.04.09

Die Gönninger Bahn

von der Privat- zur Anschlussbahn

Seit 1985 sind die Freunde der Zahnradbahn Honau - Lichtenstein auf der ehemaligen Gönninger Bahn zuhause. Daher soll diese Bahn hier kurz vorgestellt werden.


Die Privatbahn Reutlingen - Gönningen

Nachdem Württemberg angesichts knapper Kassen im Jahre 1899 auch den Bau und Betrieb privater Nebenbahnen ermöglicht hatte, bemühte sich die Gemeinde Gönningen, die zuvor beim Bahnbau nicht berücksichtigt wurde und damit einen wirtschaftlichen Rückschritt befürchtete, um einen Bahnanschluss. Die 16,5 Kilometer lange Strecke Reutlingen - Gönningen konnte dann am 20. April 1902 eröffnet werden. Den Bau und Betrieb hatte die Badische Lokal-Eisenbahn AG (BLEAG) übernommen. Im Jahre 1910 wechselte die Bahn in den Besitz der Württembergischen Nebenbahnen (WN bzw. WNB), die wiederum nach jahrelanger Betriebs- und Verwaltungsgemeinschaft 1984 in der Württembergischen Eisenbahn Gesellschaft (WEG) auf ging. Die WN war 1905 aus der Filderbahn hervorgegangen und betrieb neben der Filderbahn auch die Strecke Korntal - Weissach und die Meterspurige Härtsfeldbahn Aalen - Dillingen. Die BLEAG betrieb zahlreiche Nebenbahnen in Baden, die teilweise auch heute noch von deren Nachfolgeunternehmen SWEG betrieben werden.
Zum Fahrzeugbestand der Gönninger Bahn können keine vollständigen Angaben gemacht werden, da die Betreibergesellschaften die Fahrzeuge zwischen ihren einzelnen Bahnen häufig getauscht hatten, zudem finden sich in der Literatur dazu einige Lücken und Widersprüche. Der Anfangsbestand der Gönninger Bahn setzte sich zunächst aus zwei kleinen dreiachsigen Dampflokomotiven und mehreren zweiachsigen Plattformwagen zusammen. Eine dritte Lok wurde zwar noch von der BLEAG für Reutlingen - Gönningen bestellt, vielleicht kurzzeitig hier auch noch eingesetzt, kam dann aber zusammen mit einer Schwesterlok auf die Strecke Wiesloch - Waldangeloch. Zur Bedienung der engen Anschlussgleise in Reutlingen wurde außerdem frühzeitig eine kleine zweiachsige Dampflok beschafft, zu der allerdings nicht viel bekannt ist - außer dass sie in den Geschäftsberichten von 1910 und 1917 erwähnt ist und möglicherweise mit einer im Buch der Gebr. Metz abgebildeten Lok identisch ist. In den 50er Jahren kamen dann kurzzeitig auch etwas größere Dampflokomotiven nach Reutlingen, die ab 1954 von Dieseltriebwagen abgelöst wurden. Zunächst kam der Triebwagen T 03 nach Gönningen, den die WEG zuvor von der DB erworben hatte. 1957 wurde dieser Triebwagen von dem modernisierten T 02 abgelöst, der wiederum 1979 von dem T 07 ersetzt wurde. T02 und T 07 waren nach ihrem Einsatz auf der Gönninger Bahn mehrere Jahre in Neuffen abgestellt und wurden dann 1998 verschrottet. Bis heute erhalten geblieben sind der Triebwagen T 03 bei der Teutoburger Wald-Eisenbahn und die Dampflok Nr. 3 bei den Eisenbahnfreunden Untermain in Aschaffenburg.
Der Personenverkehr auf der Gönninger Bahn wurde zum 28.5.1976, der Gesamtverkehr ab Ohmenhausen zum 30.6.1982 und der Gesamtverkehr ab Betzingen-Industriegebiet zum 30.6.1985 eingestellt. Der Abschnitt Ohmenhausen - Gönningen wurde 1982 und der Abschnitt Betzingen Industriegebiet - Ohmenhausen im Sommer 1985 abgebaut.

Die WEG auf der Gönninger Bahn

Von 1979 bis 1985 war der Triebwagen T 07 das einzige Triebfahrzeug der Gönninger Bahn. Am 9. Dezember 1983 brachte er hier noch Stückgut nach Reutlingen.

Am 7. Juli 1985 konnten die kurz zuvor entstandenen Freunde der Zahnradbahn Honau - Lichtenstein ihre erste Sonderfahrt veranstalten. Mit dem T07 der WEG ging es nach Ohmenhausen - zum letzten Mal, denn kurz darauf wurde dieser Streckenabschnitt abgebaut.
Fotos: Michael Ulbricht


Die Fahrzeuge der WEG-Bahn

Nr.
Hersteller
Fabr.Nr./Bauj.
Bauart, Lebenslauf

Dampflokomotiven

1
Humboldt
109/1902
Cn2t, neu an BLEAG für Reutlingen - Gönningen, 1952 an Jagstfeld - Ohrnberg, ++1957
2
Humboldt
110/1902
Cn2t, neu an BLEAG für Reutlingen - Gönningen, ++1960
3
Humboldt
143/1902
Cn2t, neu an BLEAG für Reutlingen - Gönningen, vor 1910 an Wiesloch - Waldangeloch, Lok 14b, bzw. SWEG, Lok 14, 1969 abgest., 1974 an Stadt Wiesloch, 1975 Denkmal am Bf Wiesloch, 1987 an Offenbacher Lokalbahn e.V., Offenbach bzw. Eisenbahnfreunde Untermain e.V., Aschaffenburg
?
....
..../....
Cn2t, .... (1917 vorhanden) ....
3b
Karlsruhe
1063/1883
Cn2t, Typ pr. T3, neu an KPEV, T3 Elberfeld 1711 bzw. Elberfeld 6127, 1920 an WN für Reutlingen - Gönningen, ++1930
7d
Hohenz. ?
..../....
Bn2t, .... an Westdeutsche Eisenbahn - Gesellschaft, Lok 7d, leihweise an WN für Reutlingen - Gönningen, 1915 verkauft an WN für Reutlingen - Gönningen (1910 und 1917 vorhanden), 1917 verkauft ...
?
Hohenz.
1217/1900
Bn2t, Type d, neu an Westdeutsche Eisenbahn - Gesellschaft für Hohenzollerische Landesbahn, Lok 2d bzw. Lok 2, 1936 an WN für Reutlingen - Gönningen, .... an Gutehoffnungshütte, Oberhausen, Lok 51, 1957 abgest.
3
Humboldt
293/1906
Dn2tv, neu an WN für Filderbahn, 1915 an Korntal - Weissach, 1955 an Reutlingen - Gönningen, 1959 abgest.
11
Esslingen
3590/1911
En2t, neu an WN für Filderbahn, 1925 an Industriebahn Stuttgart-Münster, 1926 an Korntal - Weissach, 1950 an Reutlingen - Gönningen, 1952 an Korntal - Weissach, 1959 abgest.

Triebwagen

T 02
Gotha
28058/1934
1A, 170PS, neu an Neheim=Hüsten - Sundern, VT 1, 1950 an WEG (1952: Umbau bei Auwärter), Jagstfeld - Ohrnberg, 1957 an Reutlingen - Gönningen, 1979 abgest. in Neuffen, ++1998
T 03
Wegmann
35252/1926
B, 2x180PS, neu an DRG/DB, 802, VT 70 901, 1953 an WEG, 1954 an Reutlingen - Gönningen (1957: Umbau) 1957 an Vaihingen - Enzweihingen, 1975 abgest., 1981 an Teutoburger Wald - Eisenbahn, VT 3, 2002 an Förderverein Eisenbahn-Tradition, Lengerich
T 07
Fuchs
9059/1956
B, 2x192PS, neu an WN für Korntal - Weissach, 1979 an Reutlingen - Gönningen, 1985 abgest. in Neuffen, ++1998


Die Anschlussbahn Reutlingen - Betzingen

Zum 6.11.1985 erfolgte die Umwandlung der Nebenbahn in eine Anschlussbahn, nachdem die Stadt Reutlingen die knapp 4,5 Kilometer lange Reststrecke von Reutlingen Hauptbahnhof nach Betzingen-Industriegebiet übernommen hatte. Geblieben war zunächst nur noch die Bedienung des Anschluss Knapp, die im Auftrag der Stadt von der DB ausgeführt wurde. Der Anschluss Knapp kann wegen der engen Radien (S-Kurve mit ca. 50m Radius) nur mit einer zweiachsigen Lok und einer speziellen Langkupplung befahren werden. So kam dann hier bei Bedarf eine Köf III der DB zum Einsatz, die zuletzt nach Wegfall der Reutlinger Bahnhofs-Köf jedesmal von bzw. nach Tübingen überführt werden musste. Zum 1. Juli 2000 hatten dann die Freunde der Zahnradbahn Honau - Lichtenstein die Bedienung des Anschluss Knapp mit ihrer eigenen Lok für DB-Cargo übernommen. Die Übergabe zur DB erfolgte dabei im Bahnhof Reutlingen-West. Das Güteraufkommen lag etwa bei 30 Wagen pro Jahr. Nach Umbauten auf dem Gelände des Anschließers musste dann allerdings die Bedienung Anfang 2001 eingestellt werden.

Güterverkehr auf der Anschlussbahn

Eine 332 (Köf III) der DB hatte hier am 25. September 1987 mit einem Wagen von der Firma Knapp soeben den Westbahnbahnhof erreicht. Links die Strecke nach Tübingen. Die Formsignale gibt es hier übrigens seit 1997 nicht mehr.

Der technische Leiter ist zufrieden, der erste Wagen konnte am 3. Juli 2000 erfolgreich zugestellt werden. Am Verlauf der Schwellen ist übrigens die Besonderheit des Anschlussgleises gut zu erkennen: eine S-Kurve mit 50m Radius.
Fotos: Michael Ulbricht

Nachdem bei Bauarbeiten an einem Bahnübergang die Einfahrweiche in den Bahnhof Betzingen (Privatbahn) beschädigt wurde und zudem der Zustand der Brücke über die Hauptbahn von der Aufsichtsbehörde bemängelt wurde, musste im Oktober 1997 der verbliebene Abschnitt der ehemaligen Gönninger Bahn ab Anschluss Stadtwerke gesperrt werden. Die Stadt will derzeit nicht weiter in den Unterhalt der Strecke investieren, diese aber als Option für die Zukunft weiter erhalten. Planmäßigen Verkehr unter Regie der Stadt hat es auf diesem Abschnitt, der bis zum Industriegebiet West zwischen Betzingen und Ohmenhausen führt, bislang nicht gegeben.
Seit der Umstellung der Signaltechnik von Form- auf Lichtsignale im Reutlinger Hauptbahnhof wird der DB-Bahnhof in Betzingen vom Hauptbahnhof aus ferngesteuert. Die Gleise an der Ladestraße sollten bei der Umstellung entfallen und damit sollte dann auch die Güterbedienung hier eingestellt werden. 1996 entstand daher eine Gleisverbindung zwischen der Gönninger Bahn und dem Anschlussgleis der Stadtwerke zum DB-Bahnhof Betzingen, während die Weiche zum DB-Gleis im Bahnhof Betzingen abgebaut wurde. Die Erweiterung der Städtischen Industriebahnen wurde im Dezember 1996 in Betrieb genommen und bescherte der ehemaligen Gönninger Bahn zunächst ein Güteraufkommen von rund 1000 Wagenladungen pro Jahr. Die Bedienung erfolgte an Werktagen (außer Samstags) am frühen Morgen, anfangs mit einer 364 von Tübingen, später mit einer 294 von Plochingen aus. Mit der Neuordnung des Güterverkehrs (MORA C) sind diese Fahrten im Juni 2001 auf die Hohenzollerische Landesbahn übergegangen. Das Güteraufkommen bestand aus Isolierstoffen für die am Bahnhof Betzingen ansässige Firma Münzinger. Nachdem die Bahn im Zuge von MORA C dem Absender der Wagenladungen den Gleisanschluss gekündigt hatte, musste die Belieferung auf der Schiene dann allerdings 2002 eingestellt werden. Bis zum Jahr 2003 gab es noch vereinzelte Gütertransporte, die an der Laderampe in Betzingen umgeschlagen wurden. Seither gibt es in Reutlingen keinen planmäßigen Güterverkehr mehr auf der Schiene!


Sonderfahrten auf der Anschlussbahn

Am 7.7.85 konnten die Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein bei ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung im Reutlinger Westbahnhof letztmalig vor der Einstellung mit dem WEG-Triebwagen T 07 Sonderfahrten nach Ohmenhausen durchführen. Seit 1986 veranstaltet der Verein hier nun auch gelegentlich Sonderfahrten mit eigenen Fahrzeugen, nachdem man im Sommer 1985 mit der ersten Lok in einer ehemaligen Lagerhalle im Reutlinger Westbahnhof eine Bleibe gefunden hatte. Bei der ersten Fahrt mit der Lok 1 am 30.8.86 musste noch ein vierachsiger Umbauwagen von der DB angemietet werden, bis dann 1989 zum Listjahr der VB 16 betriebsbereit war. Im Listjahr 1989 war außerdem die kleine Dampflok Margarete der GES auf der Strecke zu Gast. Auch zum 10jährigen Vereinsjubiläum 1995 kam mit der 64 289 der EFZ wieder eine Dampflok auf die Anschlussbahn. Nachdem der VB 16 verkauft war, kam 1998 ein österreichischer Schnellzugwagen der EFZ leihweise zum Einsatz. Seit 1999 steht schließlich mit dem VS97 605 nun auch das erste Fahrzeug der ehemaligen Zahnradbahn Honau - Lichtenstein wieder betriebsfähig zur Verfügung. Seit der Sperrung der Strecke nach Betzingen (Privatbahn) führen die Sonderfahrten durch das Gelände der Stadtwerke nach Betzingen (DB), so erstmals im Sommer 1998.

Sonderfahrten auf der Gönninger Bahn

Abfahrbereit zur ersten Sonderfahrt mit der Lok 1 und einem angemieteten DB-Wagen stand der Zug am 30. August 1986 auf Gleis 20 im Reutlinger Hauptbahnhof. Rechts ein Nahverkehrszug nach Tübingen.

Von 1989 bis 1997 kam der VB 16 zum Einsatz, hier am 15. Juli 1989 während der List-Feierlichkeiten in Betzingen aufgenommen.

Lok 6 Margarete der GES, hier am 8. Juli 1989 in Betzingen festgehalten, war während des Listjahrs an mehreren Wochenenden auf der Gönninger Bahn zu Gast.

Im Sommer 1998 wurde ein Wagen von den EFZ angemietet, mit dem hier am 8. August 1998 erstmal eine Probefahrt über das Gelände der Stadtwerke durchgeführt wurde.

Seit 1999 steht mit dem VS97 605 das erste Fahrzeug der ehemaligen Zahnradbahn Honau-Lichtenstein für die Fahrten auf der Gönninger Bahn zur Verfügung, hier aufgenommen am 22. August 2000 während des Reutlinger Kulturlaubs.
Fotos: Michael Ulbricht

Auf dem Weg von Plochingen nach Tübingen begegnete ein Regio Shuttle der DB/RAB am 1. August 2001 im Reutlinger Westbahnhof dem Museumszug.



Quellen

Hermann Bürnheim
Württembergische Eisenbahn-Gesellschaft WEG
Stuttgart 1986
Bernd Beck
Schwäbische Eisenbahn
Gebr. Metz, Tübingen 1989
Gerd Wolff, Hans-Dieter Menges
Deutsche Klein- und Privatbahnen, Band 2: Baden
Deutsche Klein- und Privatbahnen, Band 3: Württemberg
Freiburg 1992 bzw. 1995
Aufzeichnungen von Jürgen Ranger (Stuttgart), Jens Merte (Siegen) und Michael Ulbricht (Eningen).