Banner

Stand: 18.02.06

Müll auf die Schiene ?

Eine scheinbar simple Aufgabe in einem komplexen Umfeld

Seit einiger Zeit wird in der Öffentlichkeit sehr lebhaft, das heißt insbesondere auch unsachlich und mit unvollständigen Zahlenangaben, über Mülltransporte auf der Schiene diskutiert. Unser erster Vorsitzender Herbert Maier hatte sich von Anfang an daran beteiligt und so konnten dann auch über unseren Verein einige Vorschläge zu diesem Thema auf politischer Ebene eingebracht werden. Unser Ziel ist dabei die Unterstützung der Stadt Reutlingen bei der Förderung des Güterverkehrs auf der Schiene und damit auch auf der von uns genutzten und gemeinsam mit der Stadt erhaltenen Infrastruktur.



Hintergründe

Mit der zum 1. Juni 2005 in Kraft getretenen Änderung des Abfallwirtschaftsgesetzes ist die Deponierung von Restmüll nicht mehr zulässig und damit kann in Reutlingen auch nicht mehr die Mülldeponie auf dem Schinderteich für Restmüll verwendet werden. Seither wird der Müll von Umschlagpunkten in Metzingen, Dußlingen und Engstingen per LKW zur Verbrennung nach Göppingen und Mannheim gefahren, bis 2007 der Ausbau des Ofens im Müllheizkraftwerk Stuttgart-Münster abgeschlossen ist. Dort hin könnte man dann den Müll auch per Bahn transportieren. Dabei bedeutet „könnte“, dass dies mit Problemen verbunden ist und „man“, dass dies jemand anderes als vorgesehen macht ...

Für die Müllentsorgung in ihrem Einzugsgebiet haben die Landkreise Reutlingen und Tübingen 1977 den Zweckverband Abfallverwertung Reutlingen/Tübingen gegründet. Nachdem das Ende der Mülldeponierung bekannt war, hatte dieser Zweckverband bereits 1997 mit dem Entsorgungsunternehmen T-Plus, Betreiber des Müllofens in Stuttgart, einen Vertrag über Transport und Verbrennung des Restmülls abgeschlossen. Änderungen des Vertrags, die unter anderem die Müllmenge, den Transport oder das Verfahren betreffen, bedürfen während der 20jährigen Vertragslaufzeit der Zustimmung des Entsorgers.

Da sich der zunehmende Mülltourismus nach Stuttgart-Münster, nicht nur aus Reutlingen und Tübingen sondern auch aus anderen Landkreisen, bereits 1997 abzeichnete und T-Plus neben der Verbrennung auch den Transport auf der Straße anbietet, wurde hier dann auch beim weiteren Ausbau des Kraftwerks nur noch die Anlieferung auf der Straße vorgesehen und der bestehende Gleisanschluss abgebaut.

Als dann im Jahre 2003 der Abfallzweckverband still und heimlich den Bau einer Umladestation für den LKW-Transport auf dem Schinderteich plante, formte sich im Reutlinger Gemeinderat der politische Widerstand gegen dieses Vorhaben. Ein Institut der Uni Stuttgart wurde zusammen mit der Hohenzollerischen Landesbahn vom Regionalverband und den beiden Landkreisen mit einer Studie zur Machbarkeit des Mülltransports auf der Schiene beauftragt. Nachdem die im Oktober 2004 vorgestellte Studie nicht überzeugen konnte und sich dann auch der Zollern-Alb Kreis der Idee anschloss, wurde im Juni 2005 eine nachgebesserte Studie vorgelegt.



Zahlen

In den Landkreisen Reutlingen (ca. 280.000 Einwohner) und Tübingen (ca. 210.000 Einwohner) fallen jährlich etwa 70.000 Tonnen Restmüll an, das sind rund 140 Kilogramm pro Einwohner. Das Transportvolumen beträgt damit 280 Tonnen pro Arbeitstag, die mit 12 LKW oder einem Güterzug aus 4 Wagen befördert werden können. Für den Transport des Mülls aus den Kreisen zur Müllverbrennung in Stuttgart-Münster stehen je nach Verfahren Preise in der Größenordnung von 18 bis 32 Euro pro Tonne in der Diskussion. Der Vertrag mit dem Entsorger T-Plus sieht derzeit für den Straßentransport einen Preis von 19,29 Euro und für den Schienentransport von 32,35 Euro pro Tonne vor. Die Verbrennung dieser Tonne kostet dann aber nochmals etwa 250 Euro je Tonne, oder waren es vielleicht 300 Euro - die Lokalpresse schweigt sich da aus ...!?

Über die Transportkosten wird leidenschaftlich diskutiert, nicht jedoch über die Gesamtkosten der Müllentsorgung. Die Industrie- und Handelskammer sieht sogar einen deutlichen Nachteil für den Standort Reutlingen, wenn der Mülltransport einen Euro pro Tonne teurer wird. Angesichts der Zahlen stellt sich jedoch eher die Frage, ob nicht so eine Industrie- und Handelskammer zum Standortnachteil wird ? Da die Verbrennung deutlich teurer als die Deponierung des Mülls ist, werden die Müllgebühren unabhängig vom Transportweg in absehbarer Zeit ganz deutlich steigen - 20 bis 30% scheinen realistisch zu sein !

Der Vertrag zwischen dem Abfallzweckverband und dem Entsorger T-Plus, in dem die Preise für den Transport auf der Straße und der Schiene festgelegt wurden, ist in die Zeit nach der Bahnreform gefallen, in der sich die vormalige Deutsche Bundesbahn neu formierte. Die daraus hervorgegangene DB-Cargo bzw. heutige Railion hat sich aus dem Güterverkehr in Reutlingen mittlerweile komplett zurückgezogen, der zuständige Sachbearbeitet sitzt in Duisburg. Mit der Bahnreform wurde aber auch der Zugang zum Schienennetz für private Anbieter geöffnet und so ergeben sich inzwischen völlig neue Möglichkeiten.

bild
Ein Bild aus vergangenen Tagen: Der Zweiwege-Unimog der damaligen Technischen Werke Stuttgart rangiert Güterwagen im Müllheizkraftwerk Münster. Im Hintergrund der Münster-Viadukt auf dem die Eisenbahn den Neckar überquert.
Foto: Hans-Joachim Knupfer



Technische Lösungen

Das Müllheizkraftwerk befindet sich in der Nähe des Bahnhofs Stuttgart-Münster. Der bestehende Gleisanschluss über die Städtischen Industriegleise, der hier über eine starke Steigung und eine Spitzkehre in das tiefer gelegene Gelände führte, wurde im Jahr 2000 eingestellt und im Herbst 2002 abgebaut. Die Anlieferung des Mülls kann aber auch im Bahnhof Münster erfolgen. Für den Transport auf der Schiene sowie den Weg zum Kraftwerk wurden in der Studie der Uni Stuttgart zwei Varianten betrachtet.

AUTZ90: Die Firma Altvater aus Bad Waldsee entwickelte das System AUTZ90 (Altvater-Universal-Transport-Zylinder 90), das etwa 20 Jahre lang in Kempten verwendet wurde und nun in modifizierter Form angewendet werden soll. Der Müll wird dabei verdichtet in Spezialwagen unter Vakuum transportiert, wobei ein Wagen bis zu 90 Tonnen fasst. Die Beladung erfolgt über eine Umladestation, in der der Müll zerkleinert und verdichtet wird. Eine ähnliche Lösung wird auch von der Firma Yellotrans aus Weingarten angeboten. Für den Transport des Mülls vom Bahnhof in das Müllheizkraftwerk ist der Bau einer Umladestation mit Förderband zum Müllbunker notwendig.

ACTS: Das Abrollcontainer-Transportsystem (ACTS) wurde für den kombinierten Verkehr Straße-Schiene entwickelt und ermöglicht den schnellen Umschlag ohne spezielle Ladehilfen zwischen LKW mit Ketten- oder Hakengerät sowie den ACTS-Güterwagen. Ein Angebot der Schienenverkehrsgesellschaft aus Stuttgart sieht die unverpresste Beladung von ACTS-Containern auf den Deponien in Dußlingen, Reutlingen und Hechingen vor, die dann in Nehren und Reutlingen auf die Schiene verladen werden sollen. Alternativ ist auch der Bau eines Anschlussgleises in Dußlingen denkbar. Der Transport des Mülls auf dem kurzen Stück vom Bahnhof Münster zum Kraftwerk kann wieder sehr einfach mit einem LKW erfolgen.

Vorschlag ZHL: Parallel zu den Untersuchungen der Uni Stuttgart entstand ein eigener Vorschlag von ZHL, der ebenfalls den politischen Entscheidungsträgern vorgestellt werden konnte. Die Idee besteht darin, die Vorteile von AUTZ90 und ACTS zu kombinieren, um damit auch die Nachteile der jeweiligen System zu verringern. Dazu sollen die Müllsammelfahrzeuge, in denen der Müll bereits verdichtet zur Umladung auf die Schiene angeliefert wird, mit Wechselaufliegern nach ACTS-Norm ausgerüstet werden. Damit entfällt das Entladen, Umladen und erneute Verdichten für den Bahntransport. Dazu sind allerdings etwa doppelt so viele Wechselauflieger wie Müllfahrzeuge notwendig, da mit jedem Fahrzeug zwei Touren pro Tag gefahren werden. Entsprechende Wechselauflieger sind bereits auf dem Markt erhältlich, die Umstellung der Müllfahrzeuge kann jedoch aus Kostengründen nur über einen längeren Übergangszeitraum durchgeführt werden. In dieser Zeit sollen dann vorübergehend komplette Müllfahrzeuge auf Wagen der „rollenden Landstraße“ verladen werden. Die Umladung auf die Schiene kann in Reutlingen und Tübingen erfolgen, vorzugsweise auf städtischer Infrastruktur, wie dem Industriegleis in Reutlingen. Das Gelände des Abfallzweckverbandes im Gewerbegebiet von Dußlingen wird damit entbehrlich und kann zur Finanzierung der Wechselauflieger und zum Ausbau der Gleis-Infrastruktur veräußert werden. Auch weitere Investitionen für die Umladung von Müll auf der Deponie in Reutlingen sind unnötig.



Politische Lösungen

Der vormalige Reutlinger Landrat, der immer wieder „Güter auf die Bahn“ forderte, wenn ein LKW auf der Honauer Steige verunglückte und der für den Vertrag mit T-Plus mit verantwortlich ist, meinte mit seiner Forderung natürlich nicht den eigenen Müll. Die politische Stimmung hat sich aber inzwischen nach personellen Veränderungen und nicht zuletzt auch durch die Feinstaubdiskussion grundlegend geändert. So unterstützen mittlerweile alle Fraktionen aus dem Reutlinger Gemeinderat, der neue Landrat und auch Stuttgarts Oberbürgermeister sowie Reutlingens Oberbürgermeisterin die Verlagerung der Mülltransporte auf die Schiene, sofern dies zu akzeptablen Bedingungen möglich ist. Die nächsten Monate werden zeigen, ob durch eine Änderung des Vertrags mit T-Plus für 2007 die Weichen neu gestellt werden können, die technischen Lösungen und der politische Wille sind jedenfalls vorhanden ...

wird fortgesetzt


Herbert Maier, Michael Ulbricht



Quellen

Der Müll, die Bahn, der Rat und der Zweckverband
Südwestpresse vom 22.11.2003

Mit n`em Euro für die Umwelt dabei
Reutlinger General-Anzeiger vom 15.7.2004

Müllverbrennung, letztlich eine Frage des politischen Willens
Reutlinger General-Anzeiger vom 17.6.2005

An der Schiene führt kein Weg vorbei
Südwestpresse vom 28.10.2005